Es gibt keine Dokumente mit denen der Zeitraum der Erbauung der Pfarrkirche in Markt Hartmanndorf sicher belegt werden kann. Aufgrund der Entstehungsgeschichte des Ortes möchte man meinen, dass der ursprüngliche Bau noch im Zeitraum der Romanik[1] entstanden ist.
Eintragungen in der Kirchenchronik beginnen erst mit dem Jahr 1856. Darin rückgreifende Aufzeichnungen sprechen von Zeitzeugen „um 1510“. Sie wussten zu berichten, dass sich über dem Presbyterium, dem heutigen Hauptaltar, ein Schlussstein mit einer Jahreszahl 1110 oder 1220 – also nicht eindeutig identifizierbar – im Gewölbe befunden habe.
Die 1122 vom damaligen militärischen Stützpunkt in Riegersburg ausgehende Rodung[2], die Dokumentation von Windisch Hartmannsdorf um 1160 als Besitz des Geschlechtes Stubenberg, und die Erwähnung einer Kirche in Riegersburg um 1170[3] deuten auf 1220.
Eine erstmalige Erwähnung des Ortes Hartmannsdorf findet sich unter dem Patronat[4] der Hauptpfarre Riegersburg 1232 in einer Urkunde. „Hermann, Priester aus Hertwigesdorf“ ist bei einem Vergleich zwischen dem Johanniterorden mit dem Pfarrer von Riegersburg, bezüglich der Kirche St. Johannes in Fürstenfeld, als Zeuge angeführt. Die Erwähnung mag darauf hinweisen, dass es in Hartmannsdorf bereits eine Pfarre gegeben hat, nicht aber, dass ein Gotteshaus existierte.
Die Entstehung der Pfarrkirche wird wegen eindeutig zuordenbarer Bauelemente in der Gotik angesiedelt[5], also frühestens im ersten Viertel des 13. bis Anfang 16. Jahrhundert. Der gotische Teil auf der Ostseite der Kirche, in dem sich der Chor befindet, ist durch die äußeren Stützmauern und das Spitzbogenfenster zu erkennen, wie auch durch das Fenster im Mittelteil des Turms.
Das Patrozinium[6] wurde bei Errichtung der Pfarre an die heilige Radgundis geweiht, deren Anbetungstag auf den 13. August fällt. Jedes Jahr geht diesem jeweils am Samstag davor ein eintägigen Kirtag voraus.
Während der Renaissance[7] dürfte der Zwiebelturm entstanden sein.
1727 wurde eine Kirchenrenovierung abgeschlossen, die nahezu einem Neubau gleichkam, und in dieser Form blieb uns das Gotteshaus bis heute erhalten. 1868 wurde der Kirchenfriedhof aufgelassen und beim Mahrwald ein neuer errichtet.
Die Kirchenchronik verzeichnet im Juni 1885, dass im Zuge von Renovierungsarbeiten in der Apsis[8] der Apostelkreuzigung die Jahreszahl 1554 zum Vorschein kam, die abschließend wieder übermalt wurde.
Am 27. November 1885 war im Grazer Volksblatt von der Installation der Turmuhr zu lesen. Die neue Uhr und ihr Hersteller, Andreas Berthold[9], wurden in den höchsten Tönen gelobt. Die alte Turmuhr wurde am Kirchturm zurückgelassen. Wohin sie danach verschwunden ist, bleibt ein Rätsel.
1896 wurde die Kirchhofmauer mit einem schmiedeeisernen Zaun darauf zur Straße hin neu errichtet, wo zuvor die Friedhofmauer stand. Der Wassergraben davor wurde verrohrt und von da an als Abwasserkanal direkt in den Kirchbach geführt.
1901 bekam die Kirche eine neue Orgel, die von Matthäus Mauracher[10] gebaut worden war.

Eine Außenansicht der Pfarrkirche, die um 1929 fotografiert wurde, zeigt eine Nische mit einer gemalten Heiligenfigur darin. Hierbei handelt es sich um die Hl. Radegund von Thüringen[11], der Schutzheiligen der Kirche.
Die letzte Gesamtrestaurierung der Pfarrkirche fand in den Jahren 1977 und 1979 statt. Besorgniserregend war vor allem der um 0,72 Meter in Schieflage geratene 36 Meter hohe Turm, wodurch mittlerweile schon Risse in der Kirchemauer entstanden waren. Der Ausbau der Landesstraße durch Markt Hartmannsdorf, zwischen 1966 und 1968, brachte eine erforderliche Drainagierung und damit auch einen veränderten Grundwasserspiegel mit sich, was wiederum Folgen für das darüber liegende Erdreich und die umliegenden Gebäude hatte. Im Zeitraum Februar bis Dezember 1977 konnte der Turm mit viel Beton (sechs bis acht Meter tiefe Bohrungen) und unter Mithilfe einzelner Gemeindemitglieder, stabilisiert werden. Seine Schieflage besteht allerdings noch heute. – Die heiligen Messen wurden während dieser Monate in der Verbindungshalle zwischen Volks- und Hauptschule gefeiert[12].
Die Außenrenovierung, bei welcher der gesamte Putz von der Kirche abgetragen wurde, begann Mitte Juni 1979 und war Anfang August abgeschlossen. Wiederum kamen Gemeindebewohnerinnen und Gemeindewohner zum roboten[13].
1984 wurde der Kirchenplatz neu gestaltet. Die Pflasterung schloss den damals noch zur Straße gehörenden und befahrenen Vorplatz des Johannes-Nepomuk-Bildstocks mit ein und machte die gesamte Fläche zur autofreien Zone. – Der Bildstock wurde ebenfalls restauriert. – Die desolate Kirchenstiege wurde neu errichtet, und die bereits bestehende Kirchenmauer wurde im gleichen Stil an der Hauptstraße verlängert und in Richtung des Bildstocks weitergeführt. Der aufgesetzte bestehende Zaun wurde über die verlängerte Mauer nicht erweitert.
Bei den Grabungsarbeiten waren neben den Erwachsenen auch viele Schülerinnen und Schüler[14] beteiligt. Sie fanden im unmittelbaren Bereich um die Kirche, wo bis 1868 der alte Friedhof gelegen hat, noch einzelne Gebeine, die auf den neuen Friedhof umgebettet wurden. Im Rahmen eines Pfarrfestes fand die Segnung des Kirchplatzes Anfang August 1984 und die Übergabe an die Öffentlichkeit statt.
Nach Ostern 1993 begann die Generalüberholung des Innenbereichs der Kirche. Hauptschullehrer Rupert Pendl übernahm die Koordination, und eine Firma Steiner aus Graz führte die erforderlichen Arbeiten an Altären, Kanzel, Orgel und Kreuzwegbildern durch. Bis zum 27. Juni 1993 fanden die Messfeiern wiederum in der Verbindungshalle zwischen der Volks- und der Hauptschule statt. Eine offizielle Segnung erfolgte am 7. November 1993 druch Generalvikar Mag. Leopold Städtler.
Im Frühjahr 1995 wurde ein elektronisches Uhrwerk installiert, das über Funksteuerung bedient wurde. Damit war der tägliche Aufstieg auf den Kirchturm nicht mehr erforderlich. Heinrich Zivithal, dessen Aufgabe es bis dahin gewesen war, ging in den Ruhestand.
1996 erhielt das Haupttor ein neues Aussehen. Prof. Franz Weiß[15] aus Voitsberg gestaltete Heiligenbilder in farbenfroher Emailtechnik auf Kupfer. Zwischen die hl. Radegundis, den hl. Ulrich, die hl. Maria und Christus setzte er ein blaues Kreuz mit quadratischen Rot-Elementen. Alois Sampl, Spenglermeister aus Eckgraben verkleidete das Eingangstor zur Kirche mit dem dafür erforderlichen Kupferblech als Hintergrund.
Die Pfarrkirche war ursprünglich eine Vikariatskirche[16] der Hauptpfarre Riegersburg und gehört heute zum Pfarrverband Gleisdorf, Hartmannsdorf, Sinabelkirchen.
[1] Romanik: 1000 bis 1250. Typische Erkennungsmerkmale für einen romanischen Bau sind Säulen, Pfeiler und Rundbögen, kleine Fenster und wenige Ornamente, dicke Mauern und ein Innenausbau aus Holz. Vor allem besitzen solche Kirchen aber nur ein oder zwei Schiffe. [2] Rodung = Besiedelungszeit. [3] In Riegersburg wird 1170 eine erste romanische Kirche urkundlich erwähnt, die an der Stelle der heutigen Magdalenakapelle und dem alten Pfarrhof den Mittelpunkt einer Urpfarrei bildete. In der Spätgotik, 1481 bis 1500 begonnen, und 1517 bis 1554 vorangetrieben, wurde die heute noch existierende Pfarrkirche erbaut. [4] Patronat: Schirmherrschaft. [5] Gotik: ca. 1200 bis 1550. [6] Patrozinium: Weihe einer Kirche an eine Schutzheilige oder einen Schutzheiligen. [7] Renaissance: 15. und 16. Jahrhundert, gefolgt vom Barock am Übergang vom Mittelalter in die Neuzeit, Anfang 17. Jh.. [8] Apsis: Über einem halbkreisförmigen, oft auch vieleckigen Grundriss errichteter, mit einer Halbkuppel überwölbter Raum, der einen Hauptraum, meist einen Kirchenraum, abschließt. [9] Andreas Berthold: * 10. August 1814 in Pertlstein bei Fehring, † 12. Juli 1891 in Gnas. Uhrenmachermeister in Gnas 12. Das Haus, nahe der Kirche, existiert heute nicht mehr in der ursprünglichen Form. – Ein mit der Turmuhr von Markt Hartmannsdorf völlig identes Uhrwerk ist in der Uhrenstube Aschau im Burgenland ausgestellt. [10] Matthäus Mauracher: * 26.11.1859 in Zell, † 25.1.1939 in Salzburg. Auch als Matthäus Mauracher der Ältere und Matthäus Mauracher II. bezeichnet. Er lebte von 1891-1910 in Graz. Quelle: Österreichische Akademie der Wissenschaft. [11] Radegund von Thüringen: * um 522 auf der Mühlburg bei Mühlberg (womöglich nahe Gotha), † 13. August 587 Poitiers in Frankreich. [12] Zeitzeugin Maria Hasenburger, geb. Gollowitsch (geb. 1943), Bärnbach 30. [13] Noch zu dieser Zeit wurde die Mithilfe von Bürgerinnen und Bürgern als „Robot“ bzw. „rouwot’n“ bezeichnet. Es handelte sich um freiwillig geleistete, unbezahlte Arbeiten, zu denen sie von den Organisatoren der Baustellen aufgefordert bzw. gebeten wurden, und sie sich dazu der Allgemeinheit gegenüber verpflichtet fühlten, sei es weil sie im Gemeinderat, im Pfarrgemeinderat oder als Ortsbäuerinnen tätig waren oder Mitglied eines unterstützenden Vereins waren. [14] Zeitzeuge Thomas Hasenburger, damals in Reith bei Hartmannsdorf 65 wohnhaft, war 15 Jahre alt und Gymnasiast in Gleisdorf, als er mit seiner Mutter, Maria Hasenburger, geb. Gollowitsch, zu der Zeit Ortsbäuerin, und seinem Vater, Josef Hasenburger, 1976 bis 1980 Kassier der Gemeinde Markt Hartmannsdorf, mithalf, Erdreich zu entfernen. [15] Franz Weiß: *18.1.1921 in Södingberg, † 4.6.2014, Maler und Bildhauer, Das Franz-Weiss-Museum in Tregist beschäftigt sich mit seinem Wirken. [16] Vikariat: Von einem Vikar – auch Kaplan oder Kooperator genannt – geleitete Gemeinde. Vikar: Priester, der einem Pfarrer unterstellt ist und keine Alleinverantwortung für eine Pfarrei trägt.